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Kinder auf das Rad – Fakten und Zahlen Dr. Achim Schmidt
Meldung vom: 13.02.2018
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„Kinder fahren weniger und schlechter Fahrrad als noch vor zehn Jahren.“ Diese Feststellung wird von Lehrkräften an Grund- und weiterführenden Schulen, von Verkehrssicherheitsberatern der Polizei sowie von Eltern oft geäußert.

In der wissenschaftlichen Literatur findet sich zu dieser subjektiven Wahrnehmung von Experten nur eine einzige Quelle. Dabei handelt es sich um eine Studie des UDV (Unfallforscher der Versicherer) die von Günther und Diez (2009) im Auftrag des UDV durchgeführt wurde.
Die Befragung von 347 Verkehrserziehungsdienststellen (Polizei und Schulen) aus dem Jahr 2008/2009 ergab ein recht eindeutiges Bild. Während bei der gleichen Fragestellung im Jahr 1997 nur 45,6% der Befragten angaben, die Anzahl der Kinder mit auffallenden motorischen Schwierigkeiten würde zunehmen, stieg dieser Wert bei der Befragung 2009 auf 72% an. Besonders betroffen scheinen Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, hierbei insbesondere Mädchen, Kinder aus sozial schwächeren Familien, überbehütete, übergewichtige und Kinder mit Bewegungsmangel zu sein. Die motorischen Schwächen sind bei Kindern in Großstädten und Städten stärker ausgebildet als bei Kindern auf dem Land.

Verkaufszahlen sinken
Die Verkaufszahlen von Kinder- und Jugendrädern vermindern sich von 2000 bis 2011 um ca. 50%. Danach ist bis 2015 ein leichter Anstieg zu verzeichnen, der 2016 in einen abermaligen Abfall schließt. 2016 wurden laut ZIV 121.000 Kinderräder und 162.000 Jugendräder verkauft.

Geburtenzahlen sinken

In der Altersspanne zwischen 0 und 15 Jahren leben in Deutschland pro Jahrgang zwischen 600.000 und 800.000 Kindern. Perspektivisch ist mit einem deutlich Rückgang der Geburtenzahlen zu rechnen. Während in 2015 noch 792.000 Kinder geboren wurden, ist 2030 nur noch mit etwa 600.000 Geburten zu rechnen. Diese deutliche Verringerung der Zielgruppe für Kinder- und Jugendfahrräder hat Auswirkungen auf die Absatzzahlen, nicht nur unmittelbar sondern zeitlich verzögert auch perspektivisch in deren Erwachsenenalter. Auch eine starke Zuwanderung wird diesen Trend nicht umkehren können (statistisches Bundesamt 2016, https://www.bib-demografie.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Broschueren/bevoelkerung_2016.pdf?__blob=publicationFile&v=5).

Unfallzahlen

Die Anzahl der getöteten Kinder im Straßenverkehr ist seit 1970 stark rückläufig. Hier zeigt sich deutlich der Einfluss der Verkehrserziehung im schulischen Bereich, optimierter Verkehrsinfrastruktur und verbesserter Automobiltechnologie trotz immer weiter zunehmenden PKW-Bestands (Neumann-Opitz, 2008).
Kinder verunglücken im Straßenverkehr mit zunehmendem Alter aufgrund ihrer eigenständigeren Mobilität häufiger. Dies zeigt sich insbesondere bei den Fuß- und Radunfällen, während die Unfälle als Mitfahrer in einem PKW im Altersgang keiner starken Veränderung unterliegen. Die Fahrradunfälle nehmen ab etwa vier bis fünf Jahren je Lebensjahr leicht zu, um ab dem Alter von zehn Jahren stark anzusteigen. Mit dem Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule legen Kinder zunehmend häufiger Wegstrecken mit dem Fahrrad zurück und verunfallen somit auch häufiger. In vielen Grundschulen dürfen die Schülerinnen und Schüler erst nach der absolvierten Fahrradprüfung, meist in der vierten Klasse mit dem Rad zur Schule fahren. Durch diese Vorgaben der Schulleitungen haben die Kinder keine Möglichkeit, sich langsam an eine sichere Fahrradmobilität zu gewöhnen. Vermehrte Unfälle ab der vierten Klasse sind die Folge. Schulleitungen dürfen keinerlei Vorgaben zur Nutzung des Fahrrads auf dem Schulweg machen. Ein Verbot des Fahrrads für den Schulweg ist nicht haltbar, wird von den Schulleitungen aus Furcht vor Unfällen jedoch oft ausgesprochen.

Radfahren an Schulen
An Grundschulen ist das Radfahren als Teil der Mobilitäts- und Verkehrserziehung in den Lehrplänen aller Bundesländer verankert. Im überwiegenden Teil der Grundschulen in Deutschland wird das Radfahren unterrichtet. Das Absolvieren der Fahrradprüfung ist dabei das Ausbildungsziel. An den weiterführenden Schulen hat das Radfahren nur noch eine untergeordnete Bedeutung bzw. hat in den meisten Schulen bezüglich einer Behandlung im Unterricht keinerlei Relevanz. Dies wird in einer Schülerbefragung aus dem Jahr 2006 (SPRINT) klar herausgestellt und durch eigene stichprobenartige Befragungen bestätigt (https://de.wikipedia.org/wiki/SPRINT-Studie)
An weiterführenden Schulen werden kaum noch Wandertage mit dem Rad durchgeführt. Mehrtägige Klassenfahrten mit dem Rad finden nur äußerst selten statt. Lehrkräfte äußern in Gesprächen große Ängste bzw. Bedenken gegenüber Unterrichtsangeboten bei denen Fahrrad gefahren wird. Im Gegensatz dazu stehen Erhebungen zur Fahrradverfügbarkeit von Schülerinnen und Schülern (SuS). Haugg (2014) konnte bei SuS (5. Und 6. Klasse) zweier Gymnasien im Kölner Umland einen Radbesitz von 99,2% feststellen. 76% bzw. 35% der SuS kamen in den beiden Gymnasien am Untersuchungstag im Sommer mit dem Rad zur Schule. In der 4. Klasse der Grundschule sind nur 13% der Befragten regelmäßig mit dem Rad zur Schule gefahren.
Radfahren ist bei Kindern und Jugendlichen außerordentlich beliebt (Bös, 2009). Bei 4-17 jährigen Mädchen steht Radfahren an 1. Stelle der Sportarten. Bei Jungen wird es ab 11. Jahren von Fußball verdrängt.

Ursachen der rückläufigen Radnutzung
Die Ursachen für den Rückgang der motorischen Leistungsfähigkeit auf dem Rad bei Kindern und Jugendlichen sind vielschichtig und stehen in Abhängigkeit zueinander. Wird eine motorische Fertigkeit wie das Radfahren praktiziert, steigt normalerweise auch das Fertigkeitsniveau an. Die nur sekundär über den Radverkauf und die Einschätzungen von Experten belegbare verminderte Radnutzung von Kindern und Jugendlichen ist somit ein entscheidender Treiber für die motorischen Schwächen beim Radfahren. Zwei Hauptursachen hierfür sind behütende Eltern, die im Straßenverkehr eine zu große Gefährdung ihrer Kinder ausmachen und hochattraktive digitale Endgeräte wie Smartphones, die bei Kindern und Jugendlichen in erheblichem Umfang Bewegung vermeiden und zu einem ausgeprägten Bewegungsmangel führen. Bewegung und Smartphone stehen somit in direkter Konkurrenz zueinander. Dieser allgemeine Bewegungsmangel wiederum wirkt sich im Speziellen auch auf die Radfahrfertigkeiten aus. Unsicher fahrende Kinder und Jugendliche fühlen sich auf dem Rad nicht wohl und fahren deshalb ungern Fahrrad. Diesen Teufelskreis können nur Eltern bzw. Bildungsinstitutionen wie Schulen durchbrechen, indem dem Thema Fahrrad mehr Bedeutung beigemessen wird.

Projekte zum Thema Fahrradförderung

Die nachfolgende Projektauswahl wurde am Institut für Natursport und Ökologie der Deutschen Sporthochschule in der Gruppe Fahrradförderung realisiert (Dr. Achim Schmidt):
1) Veloversity
E-Learning Portal für die Sekundarstufe I rund um das Thema Fahrrad
www.veloversity.de
2) Radfahren in der Grundschule
Informationsportal für Grundschullehrer zum Radfahren. Praktische Anleitungen, Recht, etc.
www.radfahrenindergrundschule.de
3) Radschlag
Sehr umfangreiches Fahrradportal für Schulen, Vereine, Kitas und Familien zur
Fahrradförderung
www.radschlag-info.de


Autor:
Deutsche Sporthochschule Köln
Institut für Natursport und Ökologie
Dr. Achim Schmidt
Am Sportparkmüngersdorf 6
50933 Köln
schmidt@dshs-koeln.de
0177/5838722
0221/4982-7810

Autor der Meldung: Kinder auf das Rad – Fakten und Zahlen